Nach dem Ritus der Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien

Der Wochenzyklus

Ebenso wie das christliche Jahr kreist auch die christliche Woche um das Geheimnis der Auferstehung Christi. Die Auferstehung des Herrn, die der ganzen Menschheit die Hoffnung auf die eigene Auferstehung bringt, ist die »frohe Botschaft« des Evangeliums, aber sie hat nicht nur Bezug auf die Zukunft, sondern auch auf das gegenwärtige Leben. Schon aufgrund seiner Taufe hat der Christ begonnen. Am neuen Leben in Christus teilzunehmen. Jeder Qurbono macht, wie wir gesehen haben, dieses Geheimnis wirklich präsent. Die Beobachtung des Sonntags hat das Ziel. dieses große Mysterium am Beginn einer jeden Woche in Erinnerung zu rufen, so dass der Christ fortwährend das Gedächtnis der Auferstehung erneuern und danach streben kann, Woche für Woche in ihrem Licht zu leben. Aber auch jeder andere Tag hat in der syrischen Kirche seine besondere Bedeutung. Montag und Dienstag sind Tage der Buße. Buße bedeutet im Evangelium »Bekehrung« und »Änderung des Herzens«. Das ist das Thema Johannes‘, des Täufers und Vorläufers des Herrn: »Bekehret euch, denn das Gottesreich ist nahe! «. So hat der Christ jede Woche die Gelegenheit. seinen Glauben zu erneuern, sich zu Gott zurückzuwenden und nach dem Gottesreich Ausschau zu halten. Der Mittwoch wird in den Ostkirchen stets der Verehrung der Gottesmutter, der Theotokos, YoIdat Aloho ???? ???? , vorbehalten, denn nach einer sehr alten Überlieferung fand die Verkündigung an einem Mittwoch statt. So ruft uns jeder Mittwoch dazu auf, über die Stellung Mariens im Heilsplan, über ihre göttliche Mutterschaft. nachzudenken, denn sie ist die Mutter Jesu und durch ihn die Mutter aller Christen. Der Donnerstag ist dem Gedächtnis der Apostel geweiht: sie waren ja die ersten, die das Evangelium gepredigt haben, und sie haben auch für Nachfolger Sorge getragen, die das Volk Gottes bis auf den heutigen Tag lehren und leiten. Mit den Aposteln verbindet die syrische Kirche auch die Propheten des Alten Testamentes, die den Weg für das Evangelium vorbereitet haben, und die Martyrer, die ihr Leben gaben, um es zu bezeugen. Der Freitag ist dem Gedächtnis des Kreuzes geweiht, das an das Leiden Christi erinnert, durch welches wir erlöst worden sind und an dem der Sieg über den Tod errungen worden ist. Der Samstag ist schließlich den Verstorbenen zugedacht, besonders den verstorbenen Priestern, durch die der Dienst des Evangeliums fortgeführt wird. So werden unsere Gedanken am Ende der Woche auf das Ende des Lebens und die Wiederkunft Christi gelenkt, welche die allgemeine Auferstehung mit sich bringen wird.

Der Jahreszyklus

Wie die christliche Woche ihre Mitte und ihren Höhepunkt am Sonntag hat, so hat das christliche Jahr seinen Brennpunkt im Ostergeheimnis. In der frühen Kirche gab es nur zwei Festfeiern: Ostern und Pfingsten, und die Zeit zwischen ihnen galt als eine heilige Zeit, in der die Kirche in gewissem Sinn das neue Leben der künftigen Welt vorwegnimmt. Das liturgische Jahr ist nicht nur ein Gedächtnis vergangener Ereignisse aus dem Leben Christi; es ist vielmehr eine Reaktivierung der Geheimnisse Christi. durch die die Kirche an der rettenden Gnade Anteil haben kann und die Fähigkeit erhält, dem Bilde Christi gleichförmig zu werden. Die syrische Kirche beginnt ihr Jahr Ende Oktober oder Anfang November mit den beiden Festen der Weihe und der Reinigung der Kirche [Qudosh ‘Id‘to].

 So wird uns von Anfang an das Geheimnis der Kirche als der Braut Christi vorgestellt, die dieser auf die Hochzeit vorbereitet, indem er sie lehrt, in seine Fußstapfen zu freien.

Die sechs Sonntage vor Weihnachten werden »Sonntage der Verkündigung« [suboro] genannt. Die liturgischen Texte gedenken am 6. Sonntag vor Weihnachten der dem Priester Zacharias zuteil gewordenen Verkündigung, am 5. Sonntag der Verkündigung an die Jungfrau Maria, am 4. Sonntag des Besuches Mariens bei Elisabeth, am 3. Sonntag der Geburt des Täufers und Vorläufers Johannes, cm 2. Sonntag der Offenbarung an den hI. Joseph. Der letzte Sonntag heißt einfach »Sonntag vor der Geburt des Herrn«. Weihnachten ist ein Fest abendländischen Ursprungs und stand im Orient stets etwas im Schatten des Festes Epiphanie /denho/, das der Kundmachung Jesu als des Messias und Sohnes Gottes an den Ufern des Jordans und der Einführung in das Geheimnis der Taufe gedenkt.

An den beiden letzten Sonntagen nach Epiphanie, die der vorösterlichen Fastenzeit vorausgehen, feiert die syrische Kirche das Gedächtnis der verstorbenen Priester sowie aller zu Gott heimgegangenen Gläubigen. Hier haben wir eine Parallele zum »Allerseelentag« in der abendländischen Kirche. Achtzehn Tage vor Beginn der Fastenzeit ist ein kurzes, dreitägiges, Ninive-Fasten, das an jenes Fasten erinnert, das der Prophet Jona verkündet und das Volk von Ninive zur Buße geführt hat. Die Fastenzeit [sawmo] gedenkt des vierzigtägigen Fastens des Herrn und ist eine gründliche Vorbereitung auf das Ostergeheimnis der Auferstehung Christi [qyomto]. In der syrischen Kirche beginnt die Fastenzeit am sechsten Sonntag vor Ostern, aber die Samstage und die Sonntage werden nicht als Fasttagen mitgezählt. Der Sonntag vor Ostern wird Hosanna-Sonntag genannt; er erinnert an den Einzug des Herrn in Jerusalem, als die Kinder »Hosanna« riefen. Der Rest der Woche trägt den Namen »Leidenswoche« [hasho] und während der drei letzten Tage folgt der Gottesdienst der Kirche fast Stunde um Stunde der Leidensgeschichte. Am Donnerstag wird des letzten Abendmahls gedacht und am Samstag der Verkündigung der Frohbotschaft an die Verstorbenen.

Wie die Fastenzeit eine Zeit der Entsagung und der Buße ist, so ist die Osterzeit eine Zeit der Freude und des Dankes. In dieser Zeit tritt die Kirche in das neue Leben der Auferstehung ein. Aus diesem Grunde bezeichnet man den Sonntag nach Ostern als den Neuen Sanntag.

Die Osterzeit mündet in das Pfingstfest - zehn Tage nach Christi Himmelfahrt [suloko] - ein, an dem der Heilige Geist auf die Kirche herabkommt und sie mit neuem Leben erfüllt. Von dieser Zell an gedenkt jeder Sonntag des zweifachen Geheimnisses der Auf 3rstehung und des Geschenkes des Geistes, der beiden Aspekte desselben Mysteriums. d.h. des neuen Lebens in der Gemeinschaft mit Gott, das uns durch die Auferstehung zuteil wird.

Die Feste der Heiligen

Die Verehrung der Heiligen hat ihren Ursprung an den Martyrergräbern. Man beging die Jahrgedächtnisse der Blutzeugen jedes Jahr in besonderer Feierlichkeit. Nach und nach dehnte sich die Verehrung auf alle Heiligen sowohl des Alten als auch des Neuen Bundes aus.

Den ersten Platz unter den Heiligen nimmt Maria, die Yoldath Aloho, die Mutter Gottes, ein. Der Verkündigung wird, wie wir gesehen haben, am fünften Sonntag vor Weihnachten gedacht. aber sie hat auch eine besondere Festfeier am 25. März. Der Tag nach Weihnachten ist dem Lobpreis der Gottesmutterschaft Mariens geweiht (in der Liturgie wird es auch Fest der nasrotho und der qulose genannt). Ihr Hauptfest ist jedoch das Fest ihrer Aufnahme in den Himmel, Ihres »Hinübergangs« [shunoyo] in die Herrlichkeit ihres göttlichen Sohnes. Diesem Fest geht ein fünfzehntägiges Fasten voraus. Das Fest, das seinen Ursprung in der Kirche des Ostens hat, gelangte erst später nach Rom und von dort in die abendländische Kirche. Am 9. Dezember begehen die Ostkirchen das Fest der Empfängnis Mariens im Schoße ihrer hl. Mutter Anna. Dieses Fest wurde bei den Katholiken auf den 8. Dezember vorgezogen um mit dem Fest der Makellosen Empfängnis. wie es sich in der abendländischen Kirche entfaltet hat, zusammenzufallen. Der Geburtstag der allheilligen Mutter Gottes und Jungfrau Maria wird am 8. September begangen und ihre Darbringung im Tempel am 21. November.

Ferner gibt es noch Marienfeste, die mit dem landwirtschaftlichen Jahr zusammenfallen: Unsere Liebe Frau von den Saaten (15. Januar), U. L. Frau von den Ähren (15.Mai), U. L. Frau von den Weinstöcken (zusammen mit Shunoyo der am 15 August). Am 15. Juni begeht man das Gedächtnis der ersten Kirche. die zu Ehren Mariens in Athrib errichtet worden ist.

Der heilige Johannes. der Täufer und Vorläufer Christi, wurde in den Ostkirchen stets hochverehrt. Seine Geburt feiert man nicht nur am dritten Sonntag vor Weihnachten, sondern auch am 24. Juni. Ein Fest zu seinen Ehren wird auch am 7. Januar begangen, und seiner Enthauptung wird am 29. August gedacht. Das Fest der heiligen Apostelfürsten Petrus und Paulus fällt auf den 29. und das aller Apostel auf den 30. Juni. Ihnen geht ein dreitägiges Fasten voraus. Angemerkt sei noch, dass der Freitag nach Pfingsten sowie die ersten sieben Sonntage nach Pfingsten die Bezeichnung »der Apostel« Sh/ihe] tragen. So erinnert die ganze Zeit unmittelbar nach Pfingsten an die Predigt der frohen Botschaft durch die Apostel In Indien genießt das Fest des Schutzpatrons Indiens. des hl. Thomas. am 3. Juli eine besondere Verehrung. Die Auffindung des hI. Kreuzes in Jerusalem durch die hl. Helena, die Mutter des Kaisers Konstantin, wird mit großer Feierlichkeit am 14. September begangen. So wendet sich die Kirche am Ende des Jahres, nachdem sie die Mysterien Christi und seiner Heiligen gefeiert hat, wieder dem Geheimnis des Kreuzes zu. dem Zeichen unserer Erlösung und des Sieges unseres Glaubens.

Außer diesen allgemeineren Festen feierst die syrische Kirche viele Feste mit besonderem Charakter. Die Kirchen des Ostens haben ihre eigenen Martyrer, Bekenner und Kirchenlehrer, deren Gedächtnis immer lebendig geholt wurde, und insbesondere die syrische Kirche hat ihre eigenen Andachtsformen. Auf besondere Weise begeht sie das Gedächtnis der Patriarchen und Propheten des Alte Testamentes; immer wieder werden sie als lebendige Zeuge für das Geheimnis des Evangeliums vorgestellt. Unter den Martyrern feiert die syrische Kirche besonders das Gedächtnis der persischen Märtyrer, die unter König Sapor

(4. Jh.) gelitten haben, ebenso das der Marlyrer von Edessa, der Mutterkirche der Kirchen syrischer Überlieferung. Der hl. lgnatios, der große Bischof von Antiochien, hat seine Feste am 20. Dezember und am 29. Januar, die vierzig Martyrer von Sebaste und Armenien feiert man am 9. März, den hl. Georg am 23. April; des Jungen Kuriakos und seiner Mutter Julitta gedenkt die Kirche am 15. Juli und der Samuni, der Mutter der Makkabäer, und ihrer sieben Söhne am 1. August.

Von den Kirchenlehrern der Ostkirchen wird das Gedächtnis des hl. Baselios des Großen und des hl. Gregorios von Nazianz am 1. Januar, am Feste der Beschneidung des Herrn, begangen. Der hl. Athanasios und der hl. Kyrilios werden am 18. Januar verehrt, der hl. Johannes Chrysostomos /Mor Ivanis am 27. Januar. Die größten Ehren erhält aber der hl. Ephräm, der Lehrer der syrischen Kirchen, den Papst Pius Xl. feierlich zum Lehrer der Universalkirche erklärt hat. Sein Fest wird am 28. Januar begangen, außerdem zusammen mit dem hl. lsaak von Antiochien am 19. Februar; ferner gedenkt man des hl. Ephräm und des hl. Theodoros in besonderer Weise am ersten Sonntag der Fastenzeit. Die großen Asketen Ägyptens und Syriens, die das monastische Leben begründeten und als Vorbilder evangelischer Vollkommenheit angesehen werden, werden hochverehrt und mit dem hl. Antonios, dem Begründer des ägyptischen Mönchtums. am 15. Januar gefeiert. Das. Gedächtnis des hl. Makarios fällt auf den 19. Januar Der hl. Simeon Stylites, der »Säulenheilige«, der den größten Teil seines Lebens auf der Spitze einer Säule gelebt und durch die Heiligkeit seines Lebens und seine Predigten viele Menschen bekehrt hat, hat sein Gedächtnis cm 2. September und sein Jünger. der hl. Daniel. am 11. Dezember.

Quelle: ANAPHORA Die göttliche Liturgie im Ritus der Syro - Antiochenischen Kirche

Autor: Benjamin Bulut